www.apls.de


Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü


Choga Regina Egbeme

1976 – 2003

Ende Mai 2004 ist mit "Hinter dem Schleier der Tränen" das dritte und letzte Buch einer Frau erschienen, die nur 27 Jahre alt geworden ist. Sie hat niemals das Land verlassen, in dem sie lebte – Nigeria in Westafrika. Sie wuchs hinter den hohen Mauern eines Harems auf, lebte jahrelang zurückgezogen, mal auf einer einsamen Farm und gelegentlich in der Abgeschiedenheit des Regenwalds. Dennoch haben Menschen in den unterschiedlichsten Regionen der Welt Anteil am Schicksal Choga Regina Egbemes genommen. Gleich ob in Deutschland, Griechenland, Schweden, Holland, Frankreich oder Kanada lesen sie, was Choga zu sagen hat.

Wer war diese Frau, die jede Öffentlichkeit mied und dennoch über ihren Tod hinaus von ihr geliebt wird? Die ihre Empfindungen und Gedanken, ihre Ängste und Wünsche offen legte, die ihre Peiniger entblößte und ihnen dennoch verzieh?

Auf den ersten Blick eine Frau voller Widersprüche, auf den zweiten ein Mensch, der das eigene Schicksal zum Beispiel nahm, um seinen Mitmenschen zuzurufen:

"Niemand kann die Welt allein retten. Es reicht, wenn wir nach der Hand unseres Nächsten greifen. Was für eine wunderbare Welt wäre das!"

Während ihrer Geburt 1976 im Harem des Vaters in Lagos stellt das Leben die ersten Weichen: Es kommt zu Komplikationen, die Choga eine lebenslange Gehbehinderung einbringen. Ihr Vater, ein schillernder Sektenführer, gibt ihr den Namen Gott hat mich gemacht.

In ihrem dritten Buch "Hinter dem Schleier der Tränen" erzählt die Schwester der Hebamme Choga von diesem Augenblick: Dein Vater küsste dich auf die Stirn und sagte: Gott hat sie so gemacht, wie er es für richtig hielt. Und dann gab er dir deinen Namen.

Dieser Vater, der 48-mal verheiratet war, entlässt Chogas Mutter, seine 33. Frau, zeitweise aus dem Harem. Da ist Choga sieben. Bis sie 14 ist, lebt sie mit der deutschen Mutter und deren Freundinnen auf der Hochebene mitten in Nigeria. Ein christliches Leben mit Beten und harter Farmarbeit. Dann kündigt sich der Bruch an. Ein Mann kommt auf die Farm, der sie übernehmen soll: Felix, 32 Jahre älter als sie und ihr unsympathisch. Diesen Mann muss sie mit 16 heiraten. So will es der Vater. Die deutsche Mutter versucht vergeblich ihre Tochter zu schützen. Nach mehreren Vergewaltigungen wird Choga schwanger, kann aber mithilfe ihrer Mutter aus der Ehe fliehen.

Ihr Sohn wird 1995 geboren. Und sie erfährt, dass sie beide HIV-positiv sind, Mutter und Kind. Kein anderer Mann als Felix kann den Virus auf Choga übertragen haben, den sie an das Kind weitergeben hat. Auf Vorschlag der Mutter nennt sie das Kind Joshua, Gott hilft.

In "Hinter dem Schleier der Tränen" schreibt sie: Obwohl ich viele schwere Stunden durchgemacht hatte und oft an meinem Schicksal verzweifelt war, so wusste ich dennoch, dass Gott es mit mir auch gut gemeint hatte. Die Liebe meines Sohnes bewies es mir jeden Tag.

Sie tat alles, um möglichst viele gemeinsame Jahre mit Josh zu haben. Sie ließ sich im Regenwald zur traditionellen afrikanischen Heilerin ausbilden und kehrte nach Lagos zurück. Mit einigen ebenso wie sie HIV-infizierten Frauen und dem Sohn lebt sie anschließend auf der Farm der inzwischen verstorbenen Mutter.

Doch die Gemeinschaft der Frauen macht harte Zeiten durch: Muslimische Nachbarn brennen zahlreiche Gebäude nieder. Denn die Christinnen weigerten sich eine muslimische Patientin Chogas auszuliefern. Tanisha sollte mit 180 Stockschlägen dafür bestraft werden, dass sie ein uneheliches Kind bekam.

In "Die verbotene Oase" schreibt sie: Es ist die Angst, die Menschen in ihrem Handeln bestimmt. Die Angst hat einen unheilvollen Bruder: den Hass. Sie beide, deren Mutter die Unwissenheit ist, haben den Neid und die Feindschaft geheiratet. Ihre Kinder sind Hunger, Krankheit und Krieg. Du kannst nicht Hunger, Krieg und Krankheit aus dieser Welt schaffen, wenn du nicht zuerst die Großmutter und die Eltern heilst. Deshalb ist deine Aufgabe, dich gegen die Unwissenheit als erste zu wenden. Damit die Angst und der Hass nicht an ihrem Busen genährt werden.

Nachdem das Herz der Farm zerstört ist, Chogas Kräuterküche, in der sie sämtliche Medizin zubereitet, kann sie weder ihren kranken Sohn, noch ihre Freundinnen und auch nicht sich selbst mit vorbeugender Medizin versorgen. Josh erkrankt an Lungenentzündung, eine ihrer Freundinnen stirbt, sie selbst erleidet einen schweren Zusammenbruch. Sie gibt dem Drängen ihrer Freundinnen nach und reist zu ihrer einstigen Ausbilderin Ezira in den Regenwald im Süden Nigerias.

Ezira hilft ihr zu erkennen, was Choga nicht so recht wahr haben will: Ihre Kraft reicht nicht aus, um weiterhin als Heilerin zu arbeiten. Sie ringt schwer mit sich, ob sie mit Josh für immer bei Ezira bleiben soll. Als sie endlich den Entschluss gefasst hat, das Leben als Heilerin aufzugeben und die Farm ihrer mütterlichen Freundin Amara anzuvertrauen, erreicht sie ein Brief von Amara: Chogas Freundin Lape liegt todkrank in einer Klinik.
Choga kehrt gemeinsam mit Josh zurück auf die Farm, um sich von Lape zu verabschieden. Doch die Begegnung führt Choga schmerzhaft vor Augen, welche Qualen auf sie selbst zukommen könnten. Entsetzt über die Verhältnisse in der Klinik, nimmt sie Lape mit auf die Farm. Und löst damit eine Kette von Ereignissen aus, die sie kaum mehr kontrollieren kann.

Obendrein raubt das HI-Virus ihr allmählich die Sehkraft. Wieder fügt sie sich in ihr Schicksal, lernt durch Josh auf neue Weise zu sehen.

Es ist kurz nach Weihnachten, als das Unfassbare geschieht:

Plötzlich hörte ich ein seltsames Geräusch, zwei leichte dumpfe Schläge kurz nacheinander. Es klang nicht so wie in der Weihnachtsnacht, als die Blechstücke fortgerissen worden waren. Und auch nicht so, als wenn in der Etage über mir etwas umgefallen wäre.
Während ich nach meinem Stock tastete, der mein Wegweiser geworden war, fiel mir das kaputte Dach ein und Ada, die da oben herum klettern könnte. Gleichzeitig schrieen meine inneren Stimmen, dass es nicht Ada war. Der Aufprall klang wie der eines viel leichteren Körpers ...
Adas Stimme rief aus weiter Ferne. Es war nur ein Wort: "Josh!"
In dieser eigentlich kurzen Silbe, die Adas Stimme gleichzeitig in den grellsten und dunkelsten Klangfarben modulierte, lagen alle Gefühle, die ein Mensch haben konnte.

Nach diesem Schicksalsschlag ist auch ihre deutsche Halbschwester Magdalena eine große Hilfe für Choga. Sie besorgt ihr ein Diktiergerät und Choga beginnt, ihr Vermächtnis auf Band zu sprechen. "Hinter dem Schleier der Tränen" gerät ihr zu einem leidenschaftlichen Appell sich dem Leben trotz widriger Umstände zu stellen.

Sie beginnt ihr letztes Buch mit den Worten:

Die Geschichte meines Lebens ist ein bisschen so wie die Wunderblume. Die heißt eigentlich Bougainvillea, aber Mama Bisi sagte einmal: "Ihre Kraft versiegt nie. Ist das etwa kein Wunder?"
Meine Lieblingspflanze ist ein Busch, der das ganze Jahr über in verschwenderischer Pracht blüht. Während gleichzeitig Knospen entstehen, fallen verwelkte Blüten zu Boden. In meiner Kindheit hatte Bisi mir erklärt, dass die zarten Kelche aus spitz zulaufenden Blättern gar nicht die Blüte sind sondern rote Blätter. Die tatsächliche Blüte sitzt in ihrer Mitte und ist unscheinbar weiß und klein. Sie hätte nie so viele Bienen und Schmetterlinge angelockt. Dafür braucht sie die Hochblätter, die sie umgeben und gleichzeitig schützen. Die Wunderblume hakt sich mit kleinen Dornen an umstehenden Büschen fest. So rankt sie sich dem Sonnenlicht entgegen und wird mehrere Meter hoch.
Die Wunderblume birgt also ein doppeltes Geheimnis: Ohne die Hilfe anderer würde sie nicht so groß werden. Hätte sie nicht die roten Blätter, fände kein Insekt ihren Nektar. Frost verträgt sie nicht; dann fallen alle Blüten zu Boden.

Ein halbes Jahr nach ihrem Sohn, am 25. Juli 2003, starb Choga im Alter von 27 Jahren.



Wenn Sie auf die jeweilige Buchcover klicken,
können Sie den Inhalt der Bücher bei amazon aufrufen.




Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü